Vor siebzig Jahren schrieb der Mercedes-Benz 300 SLR Motorsportgeschichte: Bei seiner Rennpremiere errang das Fahrzeug mit Sir Stirling Moss und Beifahrer Denis Jenkinson einen legendären Sieg bei der Mille Miglia. Nach 1.600 Kilometern erreichte das Duo das Ziel in 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden – mit einer atemberaubenden Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,6 km/h. Bis heute ist dies die schnellste jemals bei diesem traditionsreichen Langstreckenrennen erzielte Zeit.
Schon die Startnummer 722 schrieb Motorsportgeschichte: Punkt 7:22 Uhr rollten Sir Stirling Moss und sein Beifahrer Denis Jenkinson von der Startrampe in Brescia – der Beginn eines legendären Höllenritts über 1.000 Meilen bis nach Rom und zurück. Ihr Rennwagen, ein kompromisslos auf Leistung getrimmtes Wettbewerbsfahrzeug, basierte auf dem Formel-1-Modell W 196 R. Im Gegensatz zu seinem Vorbild verfügte dieser Bolide jedoch über eine Straßenzulassung – notwendig, da er für Langstreckenrennen auf gesperrten öffentlichen Straßen ebenso gebaut war wie für Einsätze auf klassischen Rundkursen.
Fahren, so schnell es Technik und Strecke zulassen
Die Skala des zentral platzierten, groß dimensionierten Veglia-Drehzahlmessers reichte bis 11.000 Umdrehungen pro Minute. Die rote Markierung für die optimale Drehzahl war bei 7.000/min gesetzt – genau dort entfaltete der drei Liter große Reihenachtzylinder M 196 S seine Dauerleistung von 203 kW (276 PS). Links und rechts des Drehzahlmessers befanden sich kleinere Anzeigen für Öldruck und Kühlwassertemperatur. Auf einen Tacho verzichtete der Rennwagen konsequent – das Motto lautete: fahren, so schnell es Technik und Strecke zulassen. Trotz aller Straßentauglichkeit verzichtete man auf einen Endschalldämpfer – stattdessen trompeteten zwei offene Endrohre lautstark auf der rechten Fahrzeugseite. Eine Tür gab es dort folglich nicht. Lediglich der Fahrer konnte auf der linken Seite durch eine niedrige, nach oben schwenkende Klappe vergleichsweise bequem ein- und aussteigen.
Sir Stirling Moss und Denis Jenkinson: Ein kongeniales Team
Neben der überragenden Technik des Mercedes-Benz 300 SLR und dem fahrerischen Können von Sir Stirling Moss trug auch die außergewöhnliche Navigation seines Beifahrers Denis Jenkinson maßgeblich zum Sieg bei. Der britische Motorjournalist las Moss während des Rennens detaillierte Streckeninformationen von einer Papierrolle vor, die in einem robusten Metallgehäuse mit Schutzscheibe vor ihm montiert war. Dank dieser innovativen Methode konnte Moss bei der Mille Miglia 1955 das volle Potenzial des 300 SLR ausschöpfen. Ob enge Passstraßen, verwinkelte Stadtdurchfahrten oder lange Geraden – mit Jenkinsons präziser Navigation fuhr Moss permanent am Limit. Nach 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden erreichten die beiden das Ziel, hatten dabei 1.600 Kilometer zurückgelegt – mit einer sensationellen Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,6 km/h. „Das waren fast 100 mph!“ – eine magische Zahl, die Moss nie vergaß. Dieses unglaubliche Tempo bedeutete nicht nur einen spektakulären Sieg, sondern auch die bis heute schnellste jemals bei der Mille Miglia erzielte Zeit. Mit Juan Manuel Fangio auf dem zweiten Platz sicherte sich Mercedes-Benz zudem einen historischen Doppelerfolg.
Moss – ein wahrer Sir
Sir Stirling Moss, stets ein Gentleman der Extraklasse, bewies auch Größe in kleinen Gesten. So schrieb er am 19. Mai 2005 – exakt 50 Jahre nach seinem legendären Sieg – eine persönliche Widmung direkt auf den silbernen Lack der Motorhaube, unmittelbar vor dem Fahrersitz: „We did it together – my thanks and affection.“ Auch Jahre später blieb seine Begeisterung für den 300 SLR ungebrochen. 2015 sagte er über das Fahrzeug: „Der 300 SLR war das beste Auto, das je gebaut wurde.“ Und ergänzte: „Diesen Mercedes zu fahren, war fantastisch.“
Erfolgssaison vor 70 Jahren
Das Jahr 1955 markierte die bis dahin erfolgreichste Motorsportsaison in der Geschichte von Mercedes-Benz. Nach einem spektakulären Finale bei der Targa Florio im Oktober sicherte sich die Marke mit dem 300 SLR (W 196 S) den Titel in der Sportwagen-Weltmeisterschaft. Gleichzeitig errang Juan Manuel Fangio mit dem Silberpfeil W 196 R zum zweiten Mal in Folge die Formel-1-Weltmeisterschaft.
Überschattet wurde das Jahr jedoch von der schweren Tragödie beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans, bei der 83 Menschen ums Leben kamen – darunter der Mercedes-Benz-Werksfahrer Pierre Levegh. Dennoch war der anschließende Rückzug der Marke aus dem Rennsport nicht direkt eine Folge dieses Unglücks. Die Entscheidung dazu war bereits zuvor gefallen: Ab 1956 wollte sich Mercedes-Benz vollständig auf die Entwicklung neuer Serienfahrzeuge konzentrieren. Der 300 SLR blieb damit ein strahlender, aber einmaliger Höhepunkt auf den internationalen Rennstrecken.
Foto: © Mercedes-Benz-Museum
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